Rezension: »Naked Cakes« von Lyndel Miller / Edition Fackelträger

© Cover: »Naked Cakes« von Lyndel Miller / Edition Fackelträger

© Cover: »Naked Cakes« von Lyndel Miller / Edition Fackelträger

Ein dreifacher Biskuitboden – locker und saftig, dazwischen Füllungen mit Schokolade oder Fruchtquark – leckerlieblichzuckersüß,  und dann Rollfondant darüber. Pfui!
Torten, die mit Fondant überzogen wurden sind häufig kleine Kunstwerke – das lässt sich nicht abstreiten. Jeder Fehler kann damit abgedeckt werden und selbst einzelne Stockwerke einer Hochzeitstorte sehen mit dem zuckerhaltigen Überzug identisch aus. Traumhaft schön, aber wie oft bleibt diese Schicht auf dem Teller liegen, weil sie nicht schmeckt? Geschmacklose Verschwendung, die nur äußerlich Schönheit vorgaukelt. Back-Bleaching.

Rollfondant halte ich für überflüssig.
Lyndel Miller, 1970 in Sydney (Australien) geboren, sieht das ähnlich. Sie arbeitet als Foodstylistin, bezeichnet sich selbst nicht als Backprofi, liebt aber den Umgang mit Lebensmitteln und gestaltet daraus das Bestschönste.

»Naked Cakes« ist ihr sechstes Buch, aber das erste, das als deutsche Übersetzung erschienen ist.

Zum Buch

Über den Inhalt dieses Buch gibt es soviel zu sagen, dass ich daraus mehrere Einträge machen müsste. Ich versuche es in einem. Kekse und Kaffee bereitstellen. Es geht los:

288 Seiten, fester Einband, innen wunderschön gestaltet. Hier ist alles fein, gestylt, schick und edel.
In einem sympathischen Vorwort erzählt Lyndel Miller wie sie zu den „freizügigen“ Kuchen gekommen ist und wir erfahren, dass sie uns nur ihre schönsten Kreationen vorstellt.
Nach dem Vorwort folgt eine Erläuterung zu Naked Cakes: Was ist das? Wie werden sie hergestellt? Was wird benötigt?
Eine Auflistung verschiedener Zutaten mit den jeweiligen kulinarischen Äquivalenten findet sich alphabetisch sortiert auf den nächsten Seiten. So passt zu Ananas auch Guave oder Ingwer und Lavendel lässt sich mit Blaubeere, Vanille oder Zitrone kombinieren. Darüberhinaus sind alle eigenen Kreationen erlaubt.

Torte mit Brombeer-Buttercreme und Erdnuss-Karamell

Torte mit Brombeer-Buttercreme und Erdnuss-Karamell

Torten und Rezepte getrennt, Deko-Tipps und mehr

12 plus 1 Torten folgen, die in ihrer Optik nicht zu übertreffen sind. Immer daran denken: Lyndel Miller ist keine Konditorin, sondern Foodstylistin, flüstere ich mir zu.
Die „plus 1“ Torte wird nicht gebacken – es handelt sich um eine Käsetorte, interessant für eine Party, nett anzusehen.

Alle anderen Rezepte bestehen aus mehreren Teilen. Die Komponenten müssen zusammengesucht werden und befinden sich weiter hinten im Buch: Boden, Creme, Glasur und Curds. In den Rezepten klingt das dann so: 3 x Schokoladenboden, 2 x Crème Chantilly etc.

Die Auswahl ist vielfältig: Mandelboden, Karottenboden, Kokosboden, Kardamomboden oder Litschiboden. Da ist für jeden eine Geschmacksrichtung dabei. Auch eine glutenfreie Variante gibt es.

Nach den Torten und den Rezepten wird es blumig: Hibiskus, Fuchsien oder Holunderblüten – sie alle eigenen sich als Tortendeko. Auch Raum-Dekorationen kommen nicht zu kurz. Dazwischen befinden sich viele Tipps zum richtigen Gelingen.
Das Buch schließt mit einer Danksagung und einem ausführlichen Inhaltsverzeichnis.

Kleiner Einwand zwischendurch

Zitat aus dem Vorwort: »Fondant-Hasser, Backmuffel und Gastgeber mit wenig Zeit können sich freuen! Naked Cake sind budgetfreundlich, problemlos selbst zu machen und einfach traumhaft.«

Buttercreme-Torte, einschichtig

Buttercreme-Torte, einschichtig

Das glaube ich nicht! Für eine Torte mit drei Böden, muss ich auch drei Mal backen, dazu die Creme anrühren und die Deko „basteln“. Schnell geht anders. Und nicht zu vergessen die Küche: Da fällt eine Menge  Zeugs an, das weggespült werden muss.
Und budgetfreundlich sieht anders aus. Natürlich fällt das Fondant weg, aber für solche Kreationen sind viele Zutaten nötig – das geht ins Geld.
Günstiger und schneller backen lassen sich u.a. Cheese-Cakes, die sehen auch edel aus, liegen nicht so schwer im Magen, sind allerdings nicht mehrstöckig.

Wie backe ich denn nun?

Eine Möglichkeit: Torte auswählen und die jeweiligen Rezepte zusammensuchen.
Alternativ: Boden nach Geschmack wählen, Creme nach Geschmack wählen und selbst kreieren.

Was habe ich gebacken?

Ich habe die alternative Möglichkeit gewählt. Die Zeit war für eine große Torte knapp. Und nicht nur das: Wer sollte die essen? Und wann würde der Kühlschrank geliefert, in den eine mehrstöckige Torte hineinpasste?

Darum entschied ich mich beim ersten Mal nur für einen Boden, zumal dieser relativ dick, jedoch zu schmal wurde, um ihn durchzuteilen.

Zwei Böden ... Vanille und Matcha

Zwei Böden … Vanille und Matcha

Diesen fertig gebackenen und abgekühlten Zitronenboden (S. 083) bestrich ich mit einer Mascarpone-Buttercreme (S. 112), der ich ein paar Löffel Konfitüre untermixte.
Blumen, Äste und Schleifchen sind nichts für mich, deshalb habe ich nur mit geraspelter Schokolade verziert. Klar, das ist nicht so schön, lässt sich aber viel schneller zubereiten, ist essbar und somit verwertbar. Außerdem passte er der Kuchen noch in den Kühlschrank.
Lecker, aber nicht vergleichbar mit den Kunstwerken von Lyndel Miller. Ich weiß.

Erst ein paar Wochen später nahm ich mir Zeit, um der Torte ein zweites Stockwerk zu verpassen. Nun musste natürlich neu gebacken werden, der erste Versuch war längst verputzt.
Ich begann mit der Deko und stellte Erdnusskaramell (S. 147) her, exakt nach Rezept. Beim ersten Mal brannte es an (einmal zu lang die Spülmaschine ausgeräumt), beim zweiten Mal klappte es zwar, aber nicht so wie gewohnt. Außerdem wurden die Nüsse nicht vorher geröstet, das würde ich aber empfehlen – schmeckt besser.
Die Deko war schon mal fertig. Am nächsten Tag entschied ich mich für das Vanilleboden-Rezept (S. 082) – zwei Mal. Einen Boden färbte ich mit Matcha-Tee ein.
Dazu eine Brombeer-Buttercreme (S. 117) und das Erdnusskaramell. Gewagte Kombi. Aber lecker. Doch ich mache mir nichts vor. Mein Naked Cake sieht dilettantisch aus gegenüber den süßen Wunderwerken von Lyndel Miller.

Fazit

»Naked Cakes« von Lyndel Miller präsentiert die Models unter den Torten. Ein Buch voll mit Tipps und Rezepten, herrlich variabel und auf die persönlichen Geschmäcker anpassbar. Alle Torten eigenen sich für besondere Anlässe, wie Hochzeit oder Jubiläum – für das alltägliche Backen sind sie jedoch zu üppig.

Wer die perfekte Hochzeitstorte sucht und über einen großen Kühlschrank und viel Zeit verfügt, für den ist dieses Buch bestimmt. Aber auch für alle, die Lust an perfektem Foodstyling haben, die kreative Ideen suchen und für diejenigen, die ihre Backbuch-Bibliothek aufhübschen möchten. Ein Muss!

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 Lyndel Miller
»Naked Cakes«
Edition Fackelträger, August 2016
Aus dem Englischen von Susanne Kraus
Hardcover mit farb. Abbildungen
288 Seiten
ISBN 978-3-7716-4661-5
30,00 €

 

Webtipps

 

Galerie meiner Naked Cakes – noch etwas klein

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© Cover: »Naked Cakes« von Lyndel Miller / Edition Fackelträger

Vielen Dank an Edition Fackelträger!

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