Gelesen: »Die Wand« von Marlen Haushofer / Ullstein Verlag

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© Cover: »Die Wand« von Marlen Haushofer / Ullstein Verlag
© Cover: »Die Wand« von Marlen Haushofer / Ullstein Verlag

Der Film zum Roman wurde mir bereits mehrfach empfohlen. Gesehen habe ich ihn noch nicht. Ich wollte zuerst das Buch von Marlen Haushofer lesen.

Marlen Haushofer ist eine österreichische Schriftstellerin, die von 1920 bis 1970 gelebt hat. Sie studierte Germanistik und veröffentlichte 1946 ihre erste Kurzgeschichte. Sie schrieb Romane, Novellen und Kurzgeschichten. Mit dem Roman »Die Wand« wurde sie weltberühmt und erhielt 1963 den Arthur-Schnitzler-Preis.

Sie hatte zwei Kinder, war verheiratet, ließ sich aber 1950 nach neunjähriger Ehe von ihrem Mann Christian Georg Heinrich scheiden.
1968 wurde sie mit dem Österreichischen Staatspreis ausgezeichnet und starb zwei Jahre später an Knochenkrebs.

Beachte, dass kleine Spoiler auftauchen können.

Ins Buch geschaut

Der Roman erschien erstmalig im Jahre 1963. Die hier vorliegende Ausgabe aus dem Jahre 2016 hat ein kleines Sonderformat, ungefähr wie DIN A 6, ist mit einem festen Einband und einem Lesebändchen versehen. 383 kleingedruckte Seiten, keine Kapitel, keine Absätze, voll mit den Erlebnissen einer Frau, die am Morgen erwacht und vollkommen allein auf der Welt zu sein scheint.

Diese Frau bleibt bis zum Ende namenlos, sie ist die Ich-Erzählerin der Geschichte.
Mit ihrer Cousine Luise und deren Mann Hugo plant die Frau einige Tage Urlaub auf einer Jagdhütte. Als das Ehepaar ins Dorf geht und auch am Morgen nicht zurückkehrt, macht sich die Frau mit dem zurückgelassenen Hund Luchs auf die Suche. Dabei stößt sie auf eine unsichtbare Wand, die sie von der Außenwelt abschirmt. Dahinter erkennt sie jedoch nur den Tod. Außer ihr, die in dieser Blase gefangen ist, scheint niemand auf der Welt überlebt zu haben.
Ohne soziale Kontakte, lediglich mit tierischen Ansprechpartnern Luchs, dem Hund, Bella, der Kuh und andere, die nach und nach folgen, beginnt sie ihr (Über)-Leben aufzuschreiben.

Umsetzung & Handlung

Mir gefällt die Sprache, die gewählt und manchmal vornehm klingt. Die Ich-Erzählerin schreibt ihre Geschichte nicht von Anfang an auf. Erst später will sie ihr Leben für die Nachwelt festhalten (falls es eine Nachwelt gibt). Sie versucht sich in Rückblicken daran zu erinnern, wie alles begann, dabei springt sie zwischen dem Gestern und dem Heute hin und her. Manchmal scheinen es gar nur Gedanken zu sein, die nie Realität geworden sind. Das lässt die Erzählung authentisch wirken, ist aber auch verwirrend.
Mehr und mehr wird dem Leser klar, wie lange sie bereits hinter der Wand gefangen ist, und das Grauen wächst von Seite zu Seite. Tapfer schlägt sich die Frau und Mutter, die Trauer über ihre Lieben, die vermutlich tot sind, verbannt, in der Natur. Sie lernt das Jagen und Töten, um zu überleben. Sie baut Bohnen und Kartoffeln an. Sie sortiert alle Vorräte und versucht jeden Tag aufs Neue zu überstehen. Das gelingt ihr nicht immer. Ein eitriger Zahn bringt sie an den Rand der Verzweiflung. Und doch findet sie auch hier eine Lösung. Der Tod begegnet ihr immer wieder, auch in ihrem Gefängnis. Sie macht depressive Phasen durch, entwickelt Ängste und Zwänge. Sie ist tapfer und voller Energie, dann wieder lethargisch und müde. Ihr Empfinden ist mit jedem Wort nachvollziehbar.

Parallelen zu anderen Büchern

Zu Beginn musste ich an Stephen Kings Roman »Die Arena – Under the Dome« denken. Vielleicht hatten zwei Autoren aus unterschiedlichen Zeiten eine ähnliche Idee – was durchaus vorkommen kann. Oder Stephen King hat sich von Marlen Haushofers »Die Wand« inspirieren lassen.
Die Kuppel bei Stephen King wird von Marlen Haushofer als Wand bezeichnet. Während bei King eine Kuh gespalten wird, sind es hier Vögel. Doch eine Kuh wird bei Marlen Haushofer auch zum Mittelpunkt der Handlung.
Damit enden aber die Parallelen schon. Die einzige Gemeinsamkeit ist also die Grundidee.

Zwischendrin erinnerte mich eine Passage an Noahs Arche.
Und die Art und Weise der Ich-Erzählung ließ mich wiederholt an eine Geschichte eines Altmeisters der Phantastik denken. Ich weiß aber nicht mehr, ob Edgar Allan Poe, E.T.A. Hoffmann oder vielleicht jemand völlig anderes.

Fazit

Eine One-Women-Show der besonderen Art. Marlen Haushofer hat mit »Die Wand« ein einzigartiges Werk geschaffen, das in mir noch lange nachwirkt. Das Ende der Welt war noch nie so erschreckend wie hinter der Wand, hinter der Marlen Haushofer ihre Protagonistin ums Überleben kämpfen lässt. Sehr empfehlenswert!

© Cover: »Die Wand« von Marlen Haushofer / Ullstein Verlag
© Cover: »Die Wand« von Marlen Haushofer / Ullstein Verlag

Marlen Haushofer
»Die Wand«
Ullstein Taschenbuch, März 2016
ISBN 9783548288123
384 Seiten
12,00 €

Das Buch ist auch als Hörbuch, E-Book und Audio-Buch erhältlich.

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© Cover: »Die Wand« von Marlen Haushofer / Ullstein Verlag

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