Das Haus an der Ecke mit der Hexe darin

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Sowohl die Printausgabe als auch die E-Book-Ausgabe enthalten Grafiken zu einzelnen Kapiteln.

Die Grafiken stammen von Nero Rensmann. Das Cover von Timo Kümmel.

Leseprobe Kapitel 2

Jo hatte Frau Stein eine Handvoll Erdbeeren auf den Stuhl gelegt. Ein anschauliches Biologieprojekt, wie er zu seiner Verteidigung argumentierte, als sie ihn zum Schuldirektor schickte und Pete ihn begleiten sollte. Während Frau Stein mit vor Wut rotem Gesicht versuchte, die gleichfarbige matschige Erdbeersoße von ihrem Rock abzuwischen, hielt Direktor Maulende den beiden Jungs eine Standpauke.

»Das war in dieser Woche das dritte Mal! Und es ist erst Donnerstag. Was ist los mit euch? Muss ich mit euren Eltern sprechen? Pete, ich weiß, dass du dir diesen Blödsinn nicht ausdenkst, aber du solltest mit deinem Freund ein ernstes Wort reden. Sonst bist du mehr in der Schule als zu Hause.« Er beugte sich über den Tisch, so dicht, dass Pete seinen Kaffee-Atem riechen konnte. »Du willst deiner Mutter doch keine Sorgen machen?«

Pete schüttelte den Kopf.

Direktor Maulende stand auf, wandte den Jungs den Rücken zu und schaute aus dem Fenster. »Ich will euch mindestens drei Wochen nicht mehr hier drin sehen. Zwei Stunden nachsitzen, nächsten Montag. Heute ist ein schöner Tag, aber kommt dem Hexenhaus nicht zu nah.« Er drehte sich zu Pete und Jo um, lachte und wedelte mit den Händen, als wolle er sie aus dem Büro fegen.

»Lass uns noch warten, sonst lauert mir Torben wieder mit seiner Gang auf.« Wenn Jo bei Pete war, passierte ihm nichts, aber auf dem Weg nach Hause mussten sie sich trennen. Und dann tauchten die Schläger auf. Darum nahm Pete gerne das Fahrrad, mit dem war er schneller, aber heute hatte ihn seine Mutter mit dem Auto mitgenommen.

»Nimm doch den Bus.«

»Ich hasse es, mit dem Bus zu fahren, Jo, das weißt du. Außerdem ist der schon weg.«

»Du musst dem Typen ordentlich eins auf die Nase geben.«

»Schlagen ist was für Blöde.«

»Heißt das, ich bin blöd, wenn ich zurückschlage?« Jo runzelte die Stirn, verzog die Lippen und versuchte, ernst zu gucken.

»Du weißt, wie ich das meine«, sagte Pete.

Ein Grinsen stahl sich auf Jos Lippen, dann lachte er laut, boxte Pete leicht gegen den Oberarm. »Klar, Alter, weiß ich.«

Sie schlenderten den verlassenen Flur entlang. Einige Kinder hatten ihre Jacken vergessen, in einer Ecke lag ein Schulranzen. Die Putzfrau schob ihren Eimer vor sich her und den Dreck mit einem schmutziggrauen Putzlappen zu den Seiten, wo sie ihn vergessen würde. Der Hausmeister balancierte auf der obersten Sprosse der Leiter und wechselte die Birne in einer Deckenlampe. Er nickte den Jungs zu, als sie an ihm vorbeigingen. Eine Zigarette klemmte hinter seinem linken Ohr, die Haare waren mit Gel zurückgekämmt. In dem beigefarbenen Overall sah er aus wie ein Automechaniker aus den Schwarz-Weiß-Filmen, die Petes Mutter gerne sah.

Jo legte seinen Arm um Pete. »Hey, du bist mein Kumpel. Wir können dich mutiger machen. Was meinst du? Mutprobe?« Nun tänzelte  er vor  Pete her, bewegte seine  Arme  zu einer La-Ola-Welle rauf und runter und gab seltsame Geräusche von sich.

»Hör auf damit.«

»Okay, dann begleite ich dich heute ein Stück.«

Gemeinsam stießen sie die grünen Flügeltüren auf und traten ins Freie. Die Sonne schien grell, obwohl es erst Ende April war. Pete zupfte an seiner Jacke herum. »Richtig warm heute.«

Zwei Mädchen aus der siebten Klasse saßen auf der vorletzten Stufe der Eingangstreppe und schauten sich Fotos an. In der rechten Ecke spielten drei Mädchen Gummitwist. Die geflochtenen Zöpfe des einen Mädchens, das gekonnt über das Gummi sprang, hüpften auf und ab.

Pete schwitzte schon beim Zusehen, er öffnete den Reißverschluss seiner Jacke und rückte sich die Brille zurecht.

In der linken Ecke auf dem Schulhof gammelte Torben mit zwei seiner Anhänger herum, sie rauchten und tauschten Zigaretten aus. Frank ging in Jos und Petes Klasse. Micha und Torben waren zwei Klassen über ihnen. Als Jo und Pete aus dem Schulgebäude traten, sahen sie zu ihnen hinüber. Torben grinste und schlug seine rechte Faust in die linke Handfläche.

Pete schluckte. »Ich glaube, mir wird schlecht.« Das letzte Mal hatte er ein Veilchen mit nach Hause gebracht, das er nicht in die Vase stellen konnte. Seine Mutter hatte getobt und war zum Direktor gerannt. Jetzt kam die Abreibung für die Petze.

»Komm, wir gehen wieder rein und warten, bis sie weg sind.« Er zog Jo am Ärmel der Jeansjacke.

»Blödsinn. Das sind feige Säcke. Los, Pete, du musst dich wehren, sonst hören die nie auf.«

»Ich will ja, aber ich weiß nicht, wie.«

»Du musst zurückschlagen.«

»Mit Fäusten?«

Jo boxte in die Luft. »So läuft das.« Er zog seinen besten Freund weiter. »Ich bin neben dir.«

Sie stiegen die Treppe hinab, und Pete starrte an den drei Jungs vorbei, als gäbe es sie nicht. Jo pfiff eine lustige Melodie und verspottete Torben und seine Freunde. Die drei warfen ihre Zigaretten weg und kamen auf Jo und Pete zu. Pete ging schneller. Jo nicht. Er war auf Krawall aus. Drei gegen einen, das gab mehr als ein blaues Auge.

»Los, komm!« Pete setzte seinen Schulranzen auf den Rücken und zog Jo an seiner Jacke. »Die schlagen dich zu Brei.«

Jo lachte. Dann rannten sie.

»Bleibt stehen, wir kriegen euch sowieso!« Torben war groß, mit seinen langen Beinen würde er Pete und Jo einholen, aber sie hatten einen kleinen Vorsprung. Dieses Mal hatten sie eine Chance, wenn Pete nicht stolperte, ihm nicht die Luft ausging oder sein Herz stehen blieb und Jo nicht einen seiner Ich-prügel-mich-jetzt-Anfälle bekam.

Jo trug seine Schulsachen in einer Umhängetasche mit sich, beim Laufen schlug sie gegen seine Beine, er rannte trotzdem schneller als Pete. Aber er ließ seinen Freund nicht zurück und blieb an seiner Seite.

»Warte nicht auf mich. Lauf, Jo. Lauf!«, schrie Pete.

Überraschenderweise hörte der auf ihn, anscheinend hatte er doch keine Lust auf eine Klopperei, bei der sie beide den Kürzeren ziehen würden. Sie überquerten die Kreuzung. Ein Auto hupte. Auf der anderen Straßenseite blieb Pete stehen. Er stützte sich auf die Oberschenkel und schnaubte wie ein Walross.

»Ich kann nicht mehr. Aus. Vorbei! Ich sterbe hier auf der Stelle.«

»Wir werden sie nicht los!« Jo hatte recht. Verdammt! Torben, Frank und Micha kamen über die Straße. Jetzt waren sie fällig.

Sie klatschten in die Hände, als wollten sie Pete und Jo wie Vieh zusammentreiben. Pete sah sich um. Sie standen an der Ecke vor dem Haus, in dem eine Hexe wohnen sollte.

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