Das Leidwesen der chronisch Erkrankten oder Wir sind am Arsch – Unser Gesundheitssystem

Ich bitte die Wortwahl zu entschuldigen: Du bist am Arsch, wenn du (chronisch) krank bist, wenn du eine Frau bist, wenn du eine ältere Frau bist, wenn du behindert bist, wenn du nicht reich bist. Machen wir es noch kürzer: Du bist am Arsch, wenn du nicht der gesundheitsgedachten Norm entsprichst.
Herr Merz – aktueller Bundeskanzler – und seine parteilichen Kumpels, möchten, dass wir Deutschen mehr arbeiten, länger arbeiten – in Stunden am Tag und in Jahren in einem Leben, halten Teilzeit für Lifestyle und krank sein für Luxus.
Ich persönlich kann darüber lachen, weinen und mir die übrigen Haare raufen. Wie ist es möglich, dass eine einst christliche Partei nicht vorausschauend denkt, keine Empathie besitzt und keinen Funken Ahnung vom wahren Leben eines Otto und einer Ottilie Normalverbraucher:in hat? Gut, gehen wir in der Geschichte zurück, ist das christliche Verhalten der Kirche weit entfernt von einem empathisch menschlichen, jedoch egoistisch und brutal, aber das soll hier heute nicht das Thema sein. Nein, es geht um unser aktuelles Gesundheitssystem, das an einer sehr schweren Erkrankung leidet. Die angekündigte Reform wird das System nicht heilen, sondern töten. Zu dramatisch? Nö.

Die 116117 – gute Idee, schwer umsetzbar

Ich schildere meine Erfahrungen. Du hast vielleicht andere gemacht, vielleicht aber auch nicht, denn ich will nicht glauben, dass ich die einzige Person auf diesem Planeten bin, die keinen Facharzttermin bekommt.

Letztens beim Hautarzt

Ich wollte eine seltsame Hautveränderung abklären lassen, dafür kann ich heute online Fotos schicken und bekomme eine Auswertung von meiner gewählten Hautärztin. Das zahlt die Kasse. Fortschritt schnell umgesetzt. Super! Die Hautärztin, bei der ich ungefähr seit 25 Jahre Patientin bin, wollte sich die seltsame Hautveränderung in ihrer Praxis genauer ansehen. Sie bat mich einen Termin über Doctolib für die Notfallsprechstunde zu machen. Diese findet einmal in der Woche statt, wären dort keine Termine frei, erhalte ich mit einer „Eil-Überweisung“ vom Hausarzt einen Termin über 116117. Natürlich waren keine Termine über Dcotolib in der Notfallsprechstunde frei. Ich besorgte mir die Überweisung und rief bei der 116117 an. Sehr nette Frau am Ende, die – wie wir feststellten – bei mir um die Ecke wohnte. Leider konnte sie mir aber keinen Termin bei meiner Hautärztin anbieten – zur Erinnerung: Meine langjährige Hautärztin hatte bereits das Problem online gesehen und bei der Kasse erstmalig abgerechnet. Die nette Frau an der 116117 hatte nur einen Termin in der entfernten Nachbarstadt frei – neuer, unbekannter Arzt. Ich lehnte ab. Warum? Veränderung, neue Praxis, Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln, Autofahrt an sich = Migränetrigger. Außerdem hatte sich meine Ärztin bereits mit dem Problem befasst, warum jetzt eine zweite Person konsultieren?
Die seltsame Hautveränderung wurde dann einige Wochen später bei einem Termin vor Ort begutachtet: Privat, als Selbstzahlerin.

So werde ich das wohl wieder machen müssen, denn bei mir steht ein Allergietest an. Einen Termin bekomme ich nur über die 116117, heißt es in der Praxis. Die 116117 sagt: Leider nein, leider gar nicht!

Einen regulären Termin zu erhalten ist nicht möglich.
Wichtig: Das ist kein Vorwurf an die Praxis, jedoch an das überlastete Gesundheitssystem.

Beispiel II: Empfehlung Neurologin

Der Hausarzt möchte mich einmal zu einer Neurologin nach Essen schicken. (Nein, es ist nicht Dagny Holly-Lee.) Der Webseite macht einen guten Eindruck, Terminvergabe über Doctolib – finde ich gut. Ich klicke mich durch. Keine Terminvergabe online für Neupatient:innen.
Ich rufe dort an. Automatischer Anrufbeantworter: Bitte schreiben Sie uns eine E-Mail.
Ich schreibe eine E-Mail.
Automatische Antwort: Terminvergabe nur über Doctolib.
Ich gehe den Weg erneut.
Klicke auf die empfohlene Ärztin, Termin nur für Botox. Ja, denke ich, darum geht es ja auch. Ich nehme den Termin – in vier Monaten. Termin bestätigt.
Irgendwie fühle ich mich nicht gut dabei, schreibe noch mal eine E-Mail und erkläre das Problem.
Termin wird von der Praxis abgesagt.
Neue E-Mail: Terminvergabe nur online.
Ich gehe wieder auf Doctolib, wähle „Alle Ärzte“ an, doch bei dem Wort Neupatient:in kapituliert das System: Keine Termin vorhanden.
Am nächsten Morgen um sechs Uhr versuche ich es erneut. Es ist früh. Vielleicht habe ich Glück. Und tatsächlich ein einziger (!)Termin ist bei einer Ärztin frei – fünf Monate Wartezeit.
Ich schnappe ihn mir.

Weitere Beispiele zusammengefasst

Bei dem HNO ist die Türe geschlossen. Daran eine Information: Termine nur mit Hausarztüberweisung mit dem Hinweis „Eil.“ Welch Aufwand. Wieder sind mindestens zwei Ärzte und zwei Sprechstundenassistent:innen involviert und dazwischen vergehen vermutlich nicht nur Stunden, sondern Tage. Ob du einen Termin bekommst, ist an dieser Stelle nicht sicher.
Nun mag das durchführbar sein, wenn das Gehör nachgelassen hat. Aber bei akuten Beschwerden? Mittelohrentzündung, Angina, Lagerungsschwindel oder Hörsturz … erst mal zum Hausarzt. Termin. Warten. Termin. Warten. Kein Termin. Sorry.

Hausärzt:innen gibt es bei uns zu wenig. Sie sind überfüllt, nehmen selten neuen Patient:innen auf oder du musst dich auf eine Warteliste setzen lassen.

(Nicht nur) wenn du chronisch krank bist und öfters zum Arzt musst, wird krank sein zur Tortur und löst möglicherweise eine psychische Krise aus.

Diagnose: ADHS / Autismus

ADHS und Autismus ist in meiner Familie ein Thema. Vor einiger Zeit sagte ein Arzt zu mir, ob bei mir ADHS diagnostiziert wurde? Ich verneinte. Er riet mir mich auf ADHS testen zu lassen. Seitdem – und nicht nur deswegen – beschäftige ich mich stark damit. Während der eine Arzt die Verdachtsdiagnose ADHS aussprach, meinte eine andere Ärztin eher Autismus. Vieles würde sich dadurch erklären. Ich würde mich selbst besser verstehen können. Also absolvierte ich alle Online-Tests, die ich finden konnte. Dabei kam raus: Autismus sehr wahrscheinlich, ADHS möglich. Das reicht nicht für eine fundierte Diagnose. Ich suche eine Klinik, Neurolog:innen, Psycholog:innen, schreibe persönlich an. Ich erhalte nur Absagen, alle Listen sind voll oder ich muss selbst zahlen. Dann, oh, Überraschung, finde ich nach einigen Wochen einen Neurologen in einer anderen Stadt – dreiviertel Stunde Autofahrt – der Termine vergibt. Wow. Es sind Plätze für eine ADHS Diagnose für das Jahr 2029 (!1) frei. Keine Ahnung, was in drei Jahren ist. Aber ich habe ihn erst mal gebucht.
Und damit ist noch immer nicht Autismus abgeklärt.

Fazit

Ich könnte weitere Beispiele erzählen, an denen ich oder meine Familie, meine Freund:innen am aktuellen Gesundheitssystem scheiterten. Wie soll es nur werden, wenn die Reformen durchgedrückt wurden? Ich fürchte mich – als chronisch erkrankte Frau mittleren Alters – davor.

Mit einem hat Herr Merz recht: Wir sollten weniger krank sein, das würde uns das Leben deutlich erleichtern und uns viel mehr Lebenszeit schenken.


Teilen / Spenden:

Discover more from Nicole Rensmann - Schriftstellerin & Journalistin

Subscribe to get the latest posts sent to your email.