Interview-Archiv – Verschollene Interviews wieder online.

Meine Webseite muss ab und an aufgeräumt werden. Die Zeit dafür habe ich eigentlich nicht, aber stolpere ich auf einen Link, der ins virtuelle Error läuft, schaue ich zumindest einmal nach, ob es die Seite gar nicht mehr gibt, oder ob der verlinkte Beitrag nur verschoben wurde. So ist mir kürzlich aufgefallen, dass einige ältere Interviews nicht mehr zur Verfügung stehen. Das finde ich schade. Denn meist hat sich derjenige, der die Fragen formuliert hat, viel Mühe gegeben und auch ich habe meine Zeit dafür investiert. Da ich mir aber in der Regel eine Kopie gezogen habe, werde ich die Interviews archivieren und online stellen. Wer mag, kann also auch in den alten Interviews wühlen.

Wir beginnen mit einem Interview von August 2009, das Anke Brandt für geisterspiegel.de mit mir führte. Sie stellte mir 15 Fragen, die ich damals (heute wäre das an einigen Stellen anders) folgendermaßen beantwortete.

15 Fragen an Nicole Rensmann

1. Mit welchen drei Adjektiven würdest du deinen Beruf beschreiben?

Aufregend, kreativ, unbegrenzt

2. Welchen Roman eines anderen Autors hättest du gerne geschrieben?

Das ist eine schwere Frage, denn es gibt viele Romane die ich toll finde. Vielleicht darf ich zwei nennen: »The Stand« von Stephen King, weil dieses Buch mich zum Rest seiner Werke geführt hat und alles enthält, was das Spiel zwischen Gut und Böse beherrschen muss.
Und Patrick Süskinds »Das Parfum«, für mich ein literarisches Meisterwerk.

3. Was war der bisher größte Fehler deiner Karriere?

Es gibt schon einige Stationen in meiner Karriere, über dich ich mich geärgert habe. Aber es war nichts dabei, das ich im Endeffekt tatsächlich bereue oder als größten Fehler betrachten würde, denn aus all diesen Ärgernissen habe ich meine Erfahrungen gezogen.

4. Welche drei deiner Werke sollte ich unbedingt auf eine einsame Insel mitnehmen?

»Anam Cara – Seelenfreund« für Tränen und Hoffnung. »Firnis«, um in die Vergangenheit zu reisen. Und natürlich »Ciara«, damit du weißt, dass du dich auch von Blut ernähren kannst – sofern die entsprechenden Gene dafür vorhanden sind.

5. Wo siehst du dich beruflich in zehn Jahren?

Da ich keine Wahrsagerin bin, kann ich auch nicht in die Zukunft blicken. Und das ist gut so, denn sollte der große Durchbruch bis dahin nicht erfolgt sein, wäre ich vielleicht hoffnungslos und würde viele kleine, wunderbare Chancen frustriert vorbeiziehen lassen. Und wenn ich doch dahin komme, wohin ich gerne möchte, würde ich vielleicht zögern, weil die große Aufgabe, Verleger und Leser nicht zu enttäuschen, mich zu zerdrücken droht.

In zehn Jahren kann so vieles passieren, es gibt so viele äußere Umstände, die den Blick in die Zukunft verändern oder verdunkeln, aber auch bunt malen können. Ich mache also weiter wie bisher und lasse mich überraschen, wo ich in zehn Jahren stehe.

6. Welches Buch hast du zuletzt privat gelesen? Wie hat es dir gefallen?

Ich habe »Corpus Delicti« von Juli Zeh soeben beendet. Das Buch war interessant und hätte mir möglicherweise besser gefallen, wenn ich mit einer anderen Sichtweise herangegangen wäre. Das Buch ähnelt mehr einem Theaterstück – wofür die Geschichte ursprünglich diente. So habe ich mich mit den Szenenwechseln, den übertrieben dargestellten Charakteren und der nicht ganz runden Story etwas schwer getan.

7. Welche CD hast du zuletzt gekauft? Wie gefällt sie dir?

Da muss ich wirklich nachdenken, denn ich kaufe sehr selten CDs. Aber ein Blick in meinen Blog, der teilweise schon mal als mein erweitertes Gedächtnis fungiert, zeigt mir, dass es »Plan A!« von Thomas Godoj war. Leider fand ich die CD nicht annährend so gut wie der DSDS-Gewinner von 2008 auf der Bühne rüber kam.

8. Angenommen, du gewinnst 20 Millionen Euro im Lotto. Würdest du weiterschreiben? Warum bzw. warum nicht?

Das ist ein wunderbarer Gedanke, den ich tatsächlich schon häufig durchgespielt habe. Von den 20 Millionen Euro würde ich zunächst all den Menschen, die mir sehr nahe stehen, je eine Million schenken. Dann einen großen Teil spenden. Meiner Familie und mir ein schönes Haus mit großem Garten kaufen. Und natürlich noch ein paar Tiere adoptieren. Ein vernünftiges Auto kaufen, in dem wir auch Platz haben, mindestens einmal noch mit meiner Familie ans Meer fahren (oder besser das Häuschen direkt am Meer kaufen, denn dann muss ich mich nicht für kurze Zeit von den Tieren trennen) und den Rest so anlegen, dass wir ohne Stress und Wahnsinn vom Geld und seinen Zinsen leben können.

Das Schreiben hätte mit alldem nichts zu tun, denn ginge es beim Schreiben ums Geld, hätte ich wohl längst aufgehört und würde einen vernünftigen Bürojob annehmen, bei dem ich regelmäßig mein Gehalt überwiesen bekomme.

Mit viel Geld im Rücken verliefe das Schreiben sicherlich entspannter, der Druck wäre weg, jetzt unbedingt sofort irgendwo einen Roman veröffentlichen zu müssen oder hohe Verkaufszahlen zu erzielen, damit der nächste Monat, finanziell gesehen, nicht so knapp verläuft. Letztendlich werde ich nie 20 Millionen Euro im Lotto gewinnen, da ich kein Lotto spiele. Aber das »Was wäre wenn…« macht doch immer wieder Spaß!

9. Welches sind deiner Meinung nach die drei schlimmsten Fehler, die ein Anfänger beim Schreiben macht?

Ich finde nicht, dass Anfänger Fehler machen, die als schlimm einzustufen sind. Denn jeder, der seine Ausbildung beginnt, lernt durch seine Fehler – auch ein Schriftsteller. Wenn er keine Fehler machen würde, dann wäre er fehlerlos, das wäre zum Einen sehr langweilig für alle, zum Anderen könnte er sich nicht mehr weiterentwickeln. Außerdem finde ich es von „alten“ Hasen sehr arrogant, Anfängern schlimme Fehler zuzuschreiben. Denn die noch älteren, weisen Hasen lachen über die alten. So ist der Kreislauf, in den ich mich nicht einreihen möchte.

Einzig einen Tipp möchte ich geben: Wer um Rat zu seinem Text fragt, der sollte nicht eingeschnappt reagieren, wenn das Urteil nicht so überschwänglich ausfällt wie erhofft. Das ist aber kein allgemeiner Anfängerfehler.

10. Welches sind deiner Meinung nach die drei schlimmsten Fehler, die ein Anfänger im Umgang mit Verlagen macht?

Der einzige, wirklich schlimme Fehler ist, wenn jemand glaubt, vierstellige Summen für die Veröffentlichung seines so unglaublich guten Romans bekommen zu müssen. Das ist ein großer Fehler. Ansonsten hat jeder Recht auf Fehler, nur so lernt er.
Natürlich gibt es solche Ratschläge wie, schicke nie das gesamte Manuskript an den Verlag, frage beim Lektor nicht ständig nach, sei nicht so ungeduldig. Aber das sind Erfahrungswerte, die wir zwar jedem mit auf den Weg geben können, letztendlich muss hier aber jeder seine eigenen Erfahrungen sammeln.

11. Mit welcher literarischen Figur würdest du dich gerne mal unterhalten?

Mit Elinor aus der »Tintenwelt«-Trilogie von Cornelia Funke – aber nur, wenn ich auch in ihre Bibliothek darf.

12. Welchem Autor (außer dir selbst natürlich) würdest du es wünschen, in Deutschland bekannter zu sein, als er es bisher ist?

Nun, da fiel mir sofort und spontan eigentlich nur meine – in literarischen Kreisen – beste Freundin Brigitte Melzer ein. Aber bei ihr bin ich mir ziemlich sicher, dass sie bekannter werden wird; bei mir selbst zweifle ich, aber das brauche ich persönlich zum Antrieb.

13. Dir erscheint eine Fee und sagt: „Setz dich hin und schreib ein Buch. Ich verspreche dir, dass es ein Weltbestseller wird.“ Welches Genre würdest du wählen?

Ich würde die Fee zunächst bitten still zu halten, damit ich mir ein Bild von ihr machen kann, dann ein Interview ausarbeiten, sie befragen und schließlich zu meiner Protagonistin machen … Es war einmal eine Fee, die es mit der Erfüllung der Wünsche nicht so genau nahm, und darum handelte sie sich Ärger mit dem Tod ein – und schlimmer noch, mit mir!« Das Buch würde somit dem phantastischen Genre angehören.

14. Was würdest du deinem Kind sagen, wenn es dir mitteilt, dass es beruflich in deine Fußstapfen treten will?

Ich habe ein Kind, das beruflich – zumindest teilweise – in meine kreativen Fußstapfen treten will. Meine Tochter schreibt zwar keine Romane, aber sie zeichnet und schreibt Mangas, und das schon recht gut. Ich unterstütze sie, mache ihr aber deutlich, dass sie damit rechnen muss, ihr Leben lang ihren Träumen, Wünschen und dem Erfolg hinterherzurennen und oft zwischen Glück und Frust wandeln wird. Außerdem muss sie einen „normalen“ Beruf lernen, mit dem sie zumindest zunächst ihr Leben finanzieren kann. Denn die wenigsten Autoren können vom Schreiben leben. Sie will Buchhändlerin werden. Das passt perfekt, wie ich finde.

15. Welche drei Romane sollte man in seinem Leben gelesen haben?

Aus Sicht des Marketings müsste ich die drei Romane nennen, die du von mir mit auf eine einsame Insel nehmen solltest, doch das halte ich nicht nur für vermessen, sondern für sehr egozentrisch.

So einfach lässt sich die Frage nicht beantworten. Abgesehen davon, kann ich – und jeder andere – Empfehlungen aussprechen, aber die Leseunterschiede und somit die Geschmäcker sind doch sehr groß. Ich möchte niemandem vorschreiben, welche drei Romane er in seinem Leben gelesen haben sollte. Das darf jeder selbst entscheiden und aus den drei auch gerne 3000 werden lassen.

So, das war’s auch schon. Hat doch gar nicht weh getan, oder? (Nein, das war nicht die 16. Frage.) Noch einmal vielen Dank, dass du mitgemacht hast.

Ich habe zu danken.

Mach es wie die Gebrüder Grimm: Erzähl es weiter.