Rezension: »Tortenzeit« von Tessa Huff / Südwest Verlag

»Tortenzeit« von Tessa Huff / Südwest Verlag

»Tortenzeit« von Tessa Huff / Südwest Verlag

Schwarzwälderkirschtorte backen war vorgestern. Heute werden Torten hochgestapelt, gestylt und designed. Hoch, Bunt, wild – so lautet das Motto der Motiv- und Fondanttorten. Die Verzierungen werden kunstvoll aus Marzipan oder Zuckerpasten kreiert, handgeformte Rüschen, Blümchen & Perlen. Perfektionismus scheint dabei Priorität, das lernen wir auch bei den diversen Backshows, wie »Das große Backen«. Nebenbei muss auch der Geschmack stimmen, außergewöhnliche Geschmackskombinationen sind ein Muss.

Was von alledem steckt in »Tortenzeit«, dem neuen Backbuch von Tessa Huff? Ich habe es ausprobiert.

Zum Buch

Als Konditorin, Rezeptentwicklerin, Food-Stylistin und Fotografin weiß die in Kanada lebende Tessa Huff, auf welche Feinheiten sie achten muss, damit sie ihre Torten perfekt in Szene setzen kann.

Auf mehr als 280 Seiten zeigt sie ihre Tortenvielfalt. Ein ausführliches Inhaltsverzeichnis zu Beginn und ein mehrseitiges Register am Ende helfen, den Inhalt chronologisch zu erfassen.
In der Einleitung erzählt Tessa Huff von ihrer Liebe zum Backen, die sich schon entwickelte, als sie noch ein kleines Mädchen war.
Wissenswertes findet sich auf den nachfolgenden Seiten: Zutaten, wichtige Utensilien und Techniken zur perfekten Tortenzubereitung werden teilweise mit zahlreichen Fotos ergänzt. Das ist bei den filigranen Dekorationen wichtig.
Auf S. 41 findet sich das Rezept der italienischen Buttercreme mit Vanillegeschmack – der Grundstock für den Großteil der danach folgenden Torten.

Torte mit zwei verschiedene Cremes und getränkten Böden

Torte mit zwei verschiedene Cremes und getränkten Böden

Die Übersicht

Alle Rezepte werden sehr ausführlich beschrieben und mit einem Foto dokumentiert.
Das ist sehr schön, dennoch finde ich es unpraktisch, von der schrittweisen Beschreibung zurück zu den Zutaten blättern zu müssen, um die Mengenangabe noch einmal zu prüfen.

Die Ausstattung

Die Böden der Torten werden seltener durchgeschnitten, stattdessen verwendet Tessa Huff mehrere gleichgroße Backformen. Umso höher die Torte, je mehr Formen sind nötig, das können dann auch schon mal fünf Backformen sein. Zugegeben, das ist praktisch und die Böden werden dann schön gleichmäßig, doch ich verfüge nicht über dieses riesige Equipment und hätte auch nicht den Platz dafür. Ich müsste also alle Böden einzeln backen.

Mir fällt auf, dass Tessa Huff für ihre Böden keine Tränke verwendet. Zudem sind die Cremeschichten sehr viel dünner als die Böden. Das sieht zwar schick aus, scheint mir aber zu unausgewogen. Ich stelle mir sehr viel Teig im Mund vor.
Aber ich lasse mich gerne überraschen, dennoch entsteht meine erste Torte aus diesem Buch  mehr nach meinem Gusto.

Zwei Böden, gebacken in zwei gleichgroßen Backformen

Zwei Böden, gebacken in zwei gleichgroßen Backformen

Die Torten: Höhe und Umfang

Torten sind ideal für besondere Anlässe – Geburtstag, Hochzeit, Jubiläum. Doch sie benötigen in der Herstellung viel Zeit und danach noch mehr Platz.
Denn eins ist klar: Eine Torte braucht den Kühlschrank für sich. Schon während der Zubereitung müssen die Cremes gekühlt werden. Eine oder zwei Schüsseln kurzzeitig im Kühlschrank unterzubringen, ist in den meisten Fällen machbar. Doch die fertige, hochgestapelte Torte passt nicht in den Kühlschrank. 
Muss sich die Tortenbäckerin zum Weinkühlschrank auch noch einen Tortenkühlschrank anschaffen?
Nein, das muss anders gehen.

Was habe ich daraus gebacken?

Da ich meinen Kühlschrank nicht leer räumen wollte und ich keine Torte für einen besonderen Anlass, sondern für den alltäglichen Nachmittagskaffee brauchte, entschied ich mich für den Boston Cream Pie (S. 62 bis 64). Zuerst. Dann stellte ich fest, dass ich nicht über zwei 20 cm große Backformen verfügte. Also wählte ich eine 24-er Backform und wollte den gebackenen Boden später teilen. Dann wäre der Boden etwas dünner gewesen, aber mir waren die Tortenböden auf den Fotos eh zu dick. Prima.
Die Zubereitung des Buttermilchbodens ging zügig und problemlos. Doch ich hatte soviel Teig, dass eine 24-er Backform zu klein war, also nahm ich zusätzlich eine 18-er Form und teilte den Teig entsprechend auf.
Backen bei 180 Grad (auch wenn das nicht im Rezept stand). Die Böden abkühlen lassen. Alles gut. Noch.

Parallel bereitete ich die Creme zu. Das Ursprungsrezept sah eine Vanillecreme mit 6 Eigelben vor. Toll, dachte ich. Was mache ich dann mit den 6 Eiweißen? Abgesehen davon hatte ich nicht mehr genug Eier. Aber ich hatte noch Eiweiß im Kühlschrank und entschied mich, die Böden mit der italienischen Buttercreme von S. 41 zu kombinieren. Alles klappte gut, bis kurz vor Schluss. Beim letzten Schritt gerann die Buttercreme. Alle Versuche, sie wieder glatt zu bekommen, machten das Gekrissel schlimmer und ich musste die Creme entsorgen. Da schmerzt mein Herz.

Aus zwei Böden mach vier - ich habe sie durchgeschnitten.

Aus zwei Böden mach vier – ich habe sie durchgeschnitten.

Inhalt der Rezepte

Ich entschied mich um und rührte meine eigenen Cremes an. Nicht eine, sondern zwei in unterschiedlicher Geschmacksrichtung, denn mir kamen die Torten aus dem Buch – bis auf wenige Ausnahmen – geschmacklich eindimensional vor. Mascarpone-Schokoladen-Nuss-Creme und Brombeer-Butter-Creme gab es nun zwischen den Böden. Und diese tränkte ich auch noch – den einen mit Orangensirup, den anderen mit Kaffeesirup. Alles selbst hergestellt natürlich, das geht auch super schnell, dafür braucht es nur 100 ml Wasser, 40 g Zucker und ein bisschen von dem jeweiligen Geschmacksträger. Zucker und Wasser zusammen in einem Topf auf mittlerer Stufe köcheln lassen, bis es verdickt, dann Orangensaft oder Kaffee dazugeben. Fertig.
Nun… wie auch immer: Das Endergebnis der Torte ähnelte in keinster Weise dem Ursprungsrezept.
Aber lecker war sie… saftig, frisch und, trotz der vielen kalorienstarken Zutaten, nicht mächtig.
Nicht annähernd so mächtig wie mein zweiter Backversuch aus »Tortenzeit« von Tessa Huff.

Schokoladentorte

Schokoladentorte

Diesmal wollte ich genau nach Rezept vorgehen. Die Geburtstagstorte (S. 52 bis 54) besteht aus einem Rührteig mit 6 Eiern und einer Schokoladencreme, in die nicht nur 340 g Butter gehören, sondern auch 690 g Puderzucker!
Keine Tränke, kein Crunch, keine Frucht. Oh… das würde nicht funktionieren. Ich warf mein Vorhaben, das Rezept nicht zu verändern, von der Küchentheke herunter und bestrich die Böden mit einer fruchtigen Wein-Konfitüre. Außerdem röstete ich Erdnüsse, die ich nur als Deko verwendete. Und ehrlich gesagt: OHNE diese beiden kleinen Veränderungen hätte diese Torte ziemlich langweilig geschmeckt. Und trotz der zusätzlichen Zutaten haben wir die Torte in einer Woche nicht aufessen können. Ein Stück davon und du bist den gesamten Tag lang voll, und den nächsten Morgen noch dazu.
Zu schwer, zu mächtig, zu viel von allem – auch oder besonders auf einem Geburtstag, an dem es noch weitere köstliche Kuchen gibt, die probiert werden müssen.
Ich habe den Rest verarbeitet und Eispralinen daraus gemacht. Dazu dann aber demnächst mehr.

Fazit

»Tortenzeit« von Tessa Huff ist ein sehr schön gestaltetes Backbuch und bietet zahlreiche Torten-Variationen. Anschauliche Tipps helfen, zukünftige Torten-Kreationen perfekt zu dekorieren oder zu verzieren. Die Rezepte der Böden sind stimmig, dennoch fehlt es mir an geschmacklicher Vielfalt (getränkte Böden, Crunch, Frucht) bei den meisten Torten.
Trotzdem möchte ich das Buch empfehlen, denn es bietet viele Inspirationen, denn Nachbacken kann ja jeder! ;-)

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Tessa Huff
Tortenzeit
Südwest Verlag, Oktober 2016
Hardcover, 288 Seiten
ISBN: 978-3-517-09539-4
24,90 €

 

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Webtipps

  • Weitere Infos zum Buch auf der Verlagsseite
  • Webseite von Tessa Huff

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