Nicole Rensmann »Niemand« (Band 1)

16,90 

Paperback mit Klappbroschur, ganzseitig
Fabylon Verlag 2016
ISBN 978-3-927071-96-4
296 Seiten

Cover und Illustrationen: Timo Kümmel

 

»Niemand« ist skurril, witzig, liebenswert und riecht nach Erdbeeren. Fantasy neu.

 

 

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Beschreibung

Nicole Rensmann

Niemand (Band 1)

Das Niemandsland wartet auf dich! Alle Infos zur Buchserie auf der »Niemand«-Seite

»Niemand« ist eine Erzählung voller Mehrdeutigkeiten – und eine, in der alles wörtlich genommen wird.

In den Hauptrollen: Nina, eine ABK, Fräulein Klimper, der Nikolaus, das Wurzelmännchen, ein Drecksack. Ach ja und da wäre natürlich noch – Niemand!
Orks? Drachen? Vampire?
Nein! Aber Arschkriecher, Stromschwimmer, der Heilige Geist natürlich, Trauerklöße und Schaumschläger und eine Vielzahl anderer Niemandsländer, deren Bezeichnungen jenseits der Grenzen aus Unwissenheit verwendet werden.

In den Nebenrollen: Jesus und das Dumme Würstchen.

Leseprobe

Prolog

Kein Mensch hatte diesen Ort jemals betreten.

Das Niemandsland.

Quelle der Fantasie.

Hier wurden Worte erfunden, Träume gesponnen und Lügen gestrickt, Sprüche geklopft, Zitate gestanzt, Weisheiten geformt und Ideen geboren. Falls all diese zungenfertigen Schöpfungen nicht an einem frühzeitigen Tod aufgrund ihrer Nutzlosigkeit starben, pustete das Himmlische Kind sie bei Südwind über die Grenzen hinaus, wo die Menschen gierig über sie herfielen. Natürlich behaupteten sie, es seien ihre geistigen Ergüsse. Sie wussten es nicht besser. Und es war gut, dass sie nicht ahnten, woher ihre Ideen stammten, die der Wind ihnen ins Ohr setzte. Sie hätten einen unter Strom stehenden, zehn Meter hohen Metallzaun rund um das Niemandsland gebaut, Plakate mit anglizistischen, großkotzigen Plattitüden gedruckt und damit zahlreiche Besucher angelockt. Nicht zu vergessen den überhöhten Eintritt, den sie für ihre erfundene Attraktion verlangt und von dem sie Süßigkeiten und Currywurst eingekauft hätten, nur um sie für das Fünffache an die Besucher weiterzuverkaufen.

Der Kreislauf der Vermarktung.

Das wäre dramatisch für das Niemandsland. Darum hatte der Vater des Herrschers Befehl gegeben, dass des Nachts die Statuen und Nachtwandler Patrouille laufen und das Niemandsland vor Eindringlingen bewahren mussten. Am Tag sorgten die Laberköppe dafür, dass kein Unbekannter die Grenzen überschritt. Sie sangen so schaurig, dass jeder, der dem Niemandsland zu nah kam, freiwillig den Rückzug antrat. Bisher hatten diese Maßnahmen Früchte getragen und bodendeckende Beeren mannigfacher Art an der Grenze wachsen lassen. Nur einmal hatte es ein Fuchs gewagt, über den Wall zu treten. Die Nachteulen hatten ihn aus dem Niemandsland verjagt. Das arme Tier hatte erschrocken aufgejault und war noch Tage später mit eingekniffenem Schwanz und angelegten Ohren durch den angrenzenden Wald geschlichen. Seitdem hatte es keine Vorkommnisse dieser Art mehr gegeben.

Mit der Zeit ignorierten die Nachtwandler den Befehl vom Vater des Herrschers und trafen sich an der hohlen Eiche mit dem Kopflosen Reiter und dem Schwarzen Mann zum Karten spielen. Jede zweite Nacht bestand der Kopflose Reiter darauf, Doppelkopf zu klopfen, denn er war davon überzeugt, dass es einen Kopf zu gewinnen gab. Die Nachtwandler hatten monatelang versucht ihm vom Gegenteil zu überzeugen und es schließlich aufgegeben. Der Kopflose Reiter besaß ein gutes Herz, aber nur einen Hauch von Intelligenz.

In den verbliebenen Nächten spielten sie Schwarzer Peter. Ein bösartiges Spiel, das stets im Desaster endete. Der Schwarze Mann zog immer die Arschkarte und musste sich diesem einen letzten Befehl beugen. Er sollte den Herrscher bis zum Morgengrauen durch das Niemandsland jagen. Erst wenn die aufgehende Sonne den Schwarzen Mann wieder in eine Statue verwandelte, endete dessen Albtraum. Der Schwarze Mann entschuldigte sich in der darauffolgenden Nacht, aber seiner Bestimmung wusste er sich nicht zu widersetzen.

Der Vater des Herrschers wollte seinem Sohn mit diesem Befehl Respekt einflößen. Völliger Quatsch! Er war ein garstiges Wesen ohne positive Gefühle, ernährte sich von Zorn und wuchs mit der Habgier. Wenn er wüsste, dass nur noch wenige seiner Befehle ausgeführt würden, wäre seine Wut drakonischer Art. Auch die Laberköppe nahmen ihre Rolle als Wächter nicht mehr ernst und stritten lieber miteinander:

»Hab ich dir schon erzählt, dass sich gestern Frau Butterflügelchen auf mir ausgeruht hat?«, flötete der linke Laberkopp, ein in dunkelblaue Tinte getauchter, beinloser Soldat. »Über eine Stunde lang.«

Sein Zwillingsbruder, der rechte Laberkopp, entgegnete: »Nein!? Ist ja unglaublich!«, und triumphierte: »Heute Morgen haben bei mir fünf Glückskäfergeschwister gesessen. Den gesamten Vormittag.« Er verschränkte die kurzen Arme vor der Brust, reckte die Nase in die Höhe und fühlte sich siegesgewiss, bei den Glücksgeflügelten beliebter zu sein.

»Du hast dir vorher Honig auf die Brust geschmiert. Das habe ich gesehen.«

»Woher soll ich den denn gehabt haben?« Und schon begann ihr Streit, der – wie so oft – den Tag über andauerte.

Die Niemandsländer ignorierten die Zwiegespräche der beiden. Genauso wie des Teufels Geschrei, wenn der sich selbst scherte. Dann bebte der Boden für Stunden so stark, dass die Bewohner noch lange nach dem teuflischen Wutausbruch vibrierten. Aber das kam nur alle paar Monate einmal vor. Der Teufel wetzte das Rasiermesser mit viel Eifer, dass sich das Metall erhitzte. Jedes Mal verbrannte er sich seine Haut beim Rasieren, und das schon seit mehreren Tausend Jahren. Feuerrot lief er dann durch das Niemandsland, jammerte jedem die Ohren voll, auch denen, die es nicht hören wollten, und jenen, denen er es schon hundertfach zuvor erzählt hatte.

Alle lachten über ihn. Der Teufel hatte eine Macke. Aber das war das kleinste Problem, hier im Niemandsland.

Denn Überhaupt Niemand und Niemand Sonst kämpften um den Thron. Sie stritten nicht laut wie die Laberköppe und beschwerten sich auch nicht über die eigene Dummheit wie der Teufel.

Über ihre hinterhältige und in aller Stille ausgefochtene Zwietracht vergaßen sie den, der wirklich wichtig war: Niemand!

 

Niemand nahm einen salzigen Geruch wahr: Verzweiflung. Dann entdeckte er das kleine Ding, das versteckt zwischen den hohen Grashalmen hockte. Niemand war sicher, dass es vorher noch nicht dort gesessen hatte, denn er war an diesem Morgen schon ein paar Mal hier vorbeigekommen. Er wollte allein sein. Und immer, wenn er allein sein wollte, ging er am Weg zu der Welt entlang, die kein Niemandsländer je gesehen hatte, von der jeder im Niemandsland jedoch alles besser zu wissen glaubte. Stundenlang wanderte er dann auf und ab, blickte wiederholt über die Grenze, die nicht durch einen Zaun kenntlich gemacht werden musste, und naschte von den wilden Früchten. Wer den Wall überschritt, war für immer verloren, hieß es. Niemand hatte es noch nicht ausprobiert, obwohl er nichts zu verlieren hatte – nicht einmal sich selbst. Manchmal stand er nur da, so lange, bis der Kopflose Reiter erwachte und ihn auf seinem Schimmel nach Hause brachte. Sobald die Sonne aufging, zogen sich die Statuen in ihre Starre zurück, nichts blieb als kalter, toter Stein – einen Tag lang. Sie schliefen, wenn die Niemandsländer wachten.

Zum ersten Mal hatte die Müdigkeit Niemand mitten am Tag übermannt, er hatte sich in das Gras gelegt und war sofort eingeschlafen. Niemand hatte geträumt. An den Traum erinnerte er sich später nicht mehr, er wusste nur, dass der Schwarze Mann nicht darin vorgekommen war. Schon lange hatte Niemand nicht mehr so tief und erholsam geschlafen. Als Niemand erwachte, war es noch immer hell, die Sonne hatte sich anscheinend kein Stück voranbewegt.

Und nun saß wenige Schritte vor Niemand dieses Ding, das sich während seines Schlafs angeschlichen haben musste. So klein war es nicht, eigentlich schien es nicht viel kleiner, als er selbst zu sein. Ob es aus den Wäldern gekommen war? Oder in den Katakomben unter dem Niemandsland lebte? Aber für einen Zwerg war es zu groß. Und nach einem behaarten Schweinehund, der sich nur selten überwand, aus seinem Loch zu kriechen, sah es auch nicht aus.

Glasperlen, die in der Sonne wie Diamanten funkelten, rollten über seine Wangen und verschwanden, sobald sie vom Kinn hinunterfielen. Es musste ein Zauberer sein. Aber für einen Zauberer schien es zu verwirrt – dieses kleine Ding. Vielleicht war es eine Elfe oder eines von diesen Dreikäsehochs, die auf der anderen Seite des Stillen Wassers lebten? Aber Niemand hatte sich die Dreikäsehochs anders vorgestellt. Größer, gelb und frech; nicht so eingeschüchtert. Es hielt die Arme um die Knie geschlungen und wiegte sich hin und her.

Niemand setzte sich neben das weinende Ding und beobachtete es. Rotz lief ihm aus der Nase, den es mit dem Ärmel seines Pullovers wegwischte. Ekelhaft!

Aber es hatte schöne blaue Augen – dieses Ding –, dunkelblau schimmerten sie, wie Veilchen bei Vollmond. Und doch sah Niemand darin, wie traurig es war. Er bekam Mitleid – und immer wenn er Mitleid bekam, musste auch er weinen. Er schluchzte leise. Das kleine, weinende Ding sah sich erschrocken um. Es weinte nicht mehr, nun stank es nach Angst. Niemand hasste diesen säuerlichen Geruch, der mit der Zeit aus jeder Pore kroch und den gesamten Körper überzog.

»Wer ist da?«

Die klare Stimme des Dings verschlug ihm für einen Moment den Atem, dann antwortete er hastig: »Niemand.«

Es sah in alle Richtungen, die Angst roch nun widerlich bitter. »Bitte tu mir nichts.«

»Was machst du hier? Ich habe so etwas wie dich noch nie gesehen.«

»Ich habe mich verlaufen«, flüsterte das Ding und sagte lauter: »Wo bist du? Ich kann dich nicht sehen.«

»Das ist normal. Ich bin Niemand.«

»Wie meinst du das, du bist niemand?«

Die Angst schrumpfte und nun roch es nach Neugier. Das war gut. Niemand mochte die würzige Neugier. »Ich bin Niemand, Herrscher des Niemandslandes.«

»Aber wie kann ein Niemand ein Herrscher sein?«

»Weil Niemand Sonst mein Vater ist und ich sein Sohn bin.«

Das Ding trocknete sich das Gesicht mit dem Ärmel ab, mit dem es sich zuvor den Rotz weggewischt hatte. Neugierig blickte es Niemand an. Also lauschte es nach seiner Stimme. Schlau! Doch dann fragte es: »Müsste nicht dein Vater der Herrscher sein?«

Niemand lächelte. Niedlich, ohne Zweifel, aber es hatte keine Ahnung.

»Nein, nur Söhne können Herrscher sein.«

»War dein Vater nicht auch mal ein Sohn?«

Niemand überlegte und glaubte die Antwort zu wissen: »Nein, ein Sohn war der nie. Aber das ist auch völlig egal. Sag mir lieber, wer du bist.«

»Ich bin Nina.«

»Nina.«

Das Wort prickelte geheimnisvoll auf der Zunge wie gestohlener Honig. Niemand sagte ein paar Mal schnell hintereinander: »Nina, Nina, Nina«, und dann leise und gedehnt. »Niiiinnnnnaaaaaa.« Er fand: »Das klingt schön.«

»Kannst du mich nach Hause bringen?«, fragte Nina.

»Von wo bist du denn gekommen?«

Nina drehte sich zur Seite und zeigte nach rechts: »Ich glaube von da hinten. Oder doch von da?« Sie schlug die Hände vor ihr Gesicht. »Ich weiß es nicht!«

»Aber du musst doch wissen, wo du wohnst.« Niemand hatte noch nie von Ninas im Niemandsland gehört. Und er ahnte, dass Niemand Sonst sehr böse auf ihn sein würde, sobald er von einem Wesen hörte, das er nicht kannte. Niemand Sonst machte Niemand für alles verantwortlich, was er nicht befohlen hatte oder ihm seltsam erschien.

Nina gab ihm keine Antwort, sie weinte und schluchzte dabei nun so laut, dass sich Niemand besorgt umsah. Die Patrouillen erstarrten tagsüber wieder zu Stein, doch es gab Boten, die seinem Vater von dem kleinen Ding berichten könnten. Er würde es als Verräter einsperren lassen, und Niemand gleich dazu.

»Ruhig. Pssst. Du musst leise sein, sonst kommt die Rote Armee.«

»Rote Armee?« Sie zitterte, aber sie weinte nicht mehr.

»Die schleppen dich zu meinem Vater ab.«

»Aber dein Vater weiß bestimmt, wie ich nach Hause komme.«

Nina blickte zur Seite, als ob dort ihre Heimat wäre. »Niemand«, sagte sie leise, »ich habe Angst.«

Niemand rückte ein Stück näher zu Nina. Er hatte noch nie eine Nina berührt, überhaupt noch nie etwas wie sie. Er ballte seine Hand zu einer Faust. Es kitzelte und kribbelte in seinem Bauch – ein neues Gefühl, fast so stark wie das Beben des Teufels, aber schöner. Viel, viel schöner. So schön, dass er sich aufgeregt auf seine Unterlippe biss. Auch Niemand hatte Lippen, solche wie Nina, die ihre fest aufeinanderpresste und mit weit aufgerissenen Augen ins Gras blickte.

Langsam entspannte er seine Finger, öffnete seine Faust und legte seine Hand auf Ninas. Ihre Haut fühlte sich warm und zart an. Sie war feucht von den Tränen, aber Niemand wollte sie niemals wieder loslassen. Nina war echt. Sie zuckte unter seiner Berührung zusammen und sah auf ihre Hand. Dann zur Seite und dabei Niemand an.

»Ich sehe dich nicht, aber ich spüre deine Finger.«

Niemand rückte nah zu Nina, ihre Schultern berührten sich.

So blieben sie eine Weile sitzen und betrachteten die Grashalme, die ein seichter Wind zum Tanzen brachte: Nina, die nicht mehr weinte, und Niemand, der zum ersten Mal in seinem Leben glaubte, eines Tages mehr als ein Niemand zu sein.

»Warum heißt du Niemand?«

»Ich weiß nicht. Vielleicht weil ich den Namen meines Vaters annehmen musste?«

»Aber niemand heißt so.«

»Ja. Ich bin Niemand.«

»Nein. Kein Mensch heißt wie du.« Nina kicherte, was so lieblich klang, dass Niemand kurz die Augen schloss, dann drang ein von Nina beiläufig erwähntes Wort in sein Bewusstsein. »Mensch?«, wiederholte er. »Bist du ein Mensch? Bist du über die Grenze gekommen?«

Niemand erschrak und ließ Ninas Hand los. »Wie hast du das geschafft?«

Prolog

Kein Mensch hatte diesen Ort jemals betreten.

Das Niemandsland.

Quelle der Fantasie.

Hier wurden Worte erfunden, Träume gesponnen und Lügen gestrickt, Sprüche geklopft, Zitate gestanzt, Weisheiten geformt und Ideen geboren. Falls all diese zungenfertigen Schöpfungen nicht an einem frühzeitigen Tod aufgrund ihrer Nutzlosigkeit starben, pustete das Himmlische Kind sie bei Südwind über die Grenzen hinaus, wo die Menschen gierig über sie herfielen. Natürlich behaupteten sie, es seien ihre geistigen Ergüsse. Sie wussten es nicht besser. Und es war gut, dass sie nicht ahnten, woher ihre Ideen stammten, die der Wind ihnen ins Ohr setzte. Sie hätten einen unter Strom stehenden, zehn Meter hohen Metallzaun rund um das Niemandsland gebaut, Plakate mit anglizistischen, großkotzigen Plattitüden gedruckt und damit zahlreiche Besucher angelockt. Nicht zu vergessen den überhöhten Eintritt, den sie für ihre erfundene Attraktion verlangt und von dem sie Süßigkeiten und Currywurst eingekauft hätten, nur um sie für das Fünffache an die Besucher weiterzuverkaufen.

Der Kreislauf der Vermarktung.

Das wäre dramatisch für das Niemandsland. Darum hatte der Vater des Herrschers Befehl gegeben, dass des Nachts die Statuen und Nachtwandler Patrouille laufen und das Niemandsland vor Eindringlingen bewahren mussten. Am Tag sorgten die Laberköppe dafür, dass kein Unbekannter die Grenzen überschritt. Sie sangen so schaurig, dass jeder, der dem Niemandsland zu nah kam, freiwillig den Rückzug antrat. Bisher hatten diese Maßnahmen Früchte getragen und bodendeckende Beeren mannigfacher Art an der Grenze wachsen lassen. Nur einmal hatte es ein Fuchs gewagt, über den Wall zu treten. Die Nachteulen hatten ihn aus dem Niemandsland verjagt. Das arme Tier hatte erschrocken aufgejault und war noch Tage später mit eingekniffenem Schwanz und angelegten Ohren durch den angrenzenden Wald geschlichen. Seitdem hatte es keine Vorkommnisse dieser Art mehr gegeben.

Mit der Zeit ignorierten die Nachtwandler den Befehl vom Vater des Herrschers und trafen sich an der hohlen Eiche mit dem Kopflosen Reiter und dem Schwarzen Mann zum Karten spielen. Jede zweite Nacht bestand der Kopflose Reiter darauf, Doppelkopf zu klopfen, denn er war davon überzeugt, dass es einen Kopf zu gewinnen gab. Die Nachtwandler hatten monatelang versucht ihm vom Gegenteil zu überzeugen und es schließlich aufgegeben. Der Kopflose Reiter besaß ein gutes Herz, aber nur einen Hauch von Intelligenz.

In den verbliebenen Nächten spielten sie Schwarzer Peter. Ein bösartiges Spiel, das stets im Desaster endete. Der Schwarze Mann zog immer die Arschkarte und musste sich diesem einen letzten Befehl beugen. Er sollte den Herrscher bis zum Morgengrauen durch das Niemandsland jagen. Erst wenn die aufgehende Sonne den Schwarzen Mann wieder in eine Statue verwandelte, endete dessen Albtraum. Der Schwarze Mann entschuldigte sich in der darauffolgenden Nacht, aber seiner Bestimmung wusste er sich nicht zu widersetzen.

Der Vater des Herrschers wollte seinem Sohn mit diesem Befehl Respekt einflößen. Völliger Quatsch! Er war ein garstiges Wesen ohne positive Gefühle, ernährte sich von Zorn und wuchs mit der Habgier. Wenn er wüsste, dass nur noch wenige seiner Befehle ausgeführt würden, wäre seine Wut drakonischer Art. Auch die Laberköppe nahmen ihre Rolle als Wächter nicht mehr ernst und stritten lieber miteinander:

»Hab ich dir schon erzählt, dass sich gestern Frau Butterflügelchen auf mir ausgeruht hat?«, flötete der linke Laberkopp, ein in dunkelblaue Tinte getauchter, beinloser Soldat. »Über eine Stunde lang.«

Sein Zwillingsbruder, der rechte Laberkopp, entgegnete: »Nein!? Ist ja unglaublich!«, und triumphierte: »Heute Morgen haben bei mir fünf Glückskäfergeschwister gesessen. Den gesamten Vormittag.« Er verschränkte die kurzen Arme vor der Brust, reckte die Nase in die Höhe und fühlte sich siegesgewiss, bei den Glücksgeflügelten beliebter zu sein.

»Du hast dir vorher Honig auf die Brust geschmiert. Das habe ich gesehen.«

»Woher soll ich den denn gehabt haben?« Und schon begann ihr Streit, der – wie so oft – den Tag über andauerte.

Die Niemandsländer ignorierten die Zwiegespräche der beiden. Genauso wie des Teufels Geschrei, wenn der sich selbst scherte. Dann bebte der Boden für Stunden so stark, dass die Bewohner noch lange nach dem teuflischen Wutausbruch vibrierten. Aber das kam nur alle paar Monate einmal vor. Der Teufel wetzte das Rasiermesser mit viel Eifer, dass sich das Metall erhitzte. Jedes Mal verbrannte er sich seine Haut beim Rasieren, und das schon seit mehreren Tausend Jahren. Feuerrot lief er dann durch das Niemandsland, jammerte jedem die Ohren voll, auch denen, die es nicht hören wollten, und jenen, denen er es schon hundertfach zuvor erzählt hatte.

Alle lachten über ihn. Der Teufel hatte eine Macke. Aber das war das kleinste Problem, hier im Niemandsland.

Denn Überhaupt Niemand und Niemand Sonst kämpften um den Thron. Sie stritten nicht laut wie die Laberköppe und beschwerten sich auch nicht über die eigene Dummheit wie der Teufel.

Über ihre hinterhältige und in aller Stille ausgefochtene Zwietracht vergaßen sie den, der wirklich wichtig war: Niemand!

 

Niemand nahm einen salzigen Geruch wahr: Verzweiflung. Dann entdeckte er das kleine Ding, das versteckt zwischen den hohen Grashalmen hockte. Niemand war sicher, dass es vorher noch nicht dort gesessen hatte, denn er war an diesem Morgen schon ein paar Mal hier vorbeigekommen. Er wollte allein sein. Und immer, wenn er allein sein wollte, ging er am Weg zu der Welt entlang, die kein Niemandsländer je gesehen hatte, von der jeder im Niemandsland jedoch alles besser zu wissen glaubte. Stundenlang wanderte er dann auf und ab, blickte wiederholt über die Grenze, die nicht durch einen Zaun kenntlich gemacht werden musste, und naschte von den wilden Früchten. Wer den Wall überschritt, war für immer verloren, hieß es. Niemand hatte es noch nicht ausprobiert, obwohl er nichts zu verlieren hatte – nicht einmal sich selbst. Manchmal stand er nur da, so lange, bis der Kopflose Reiter erwachte und ihn auf seinem Schimmel nach Hause brachte. Sobald die Sonne aufging, zogen sich die Statuen in ihre Starre zurück, nichts blieb als kalter, toter Stein – einen Tag lang. Sie schliefen, wenn die Niemandsländer wachten.

Zum ersten Mal hatte die Müdigkeit Niemand mitten am Tag übermannt, er hatte sich in das Gras gelegt und war sofort eingeschlafen. Niemand hatte geträumt. An den Traum erinnerte er sich später nicht mehr, er wusste nur, dass der Schwarze Mann nicht darin vorgekommen war. Schon lange hatte Niemand nicht mehr so tief und erholsam geschlafen. Als Niemand erwachte, war es noch immer hell, die Sonne hatte sich anscheinend kein Stück voranbewegt.

Und nun saß wenige Schritte vor Niemand dieses Ding, das sich während seines Schlafs angeschlichen haben musste. So klein war es nicht, eigentlich schien es nicht viel kleiner, als er selbst zu sein. Ob es aus den Wäldern gekommen war? Oder in den Katakomben unter dem Niemandsland lebte? Aber für einen Zwerg war es zu groß. Und nach einem behaarten Schweinehund, der sich nur selten überwand, aus seinem Loch zu kriechen, sah es auch nicht aus.

Glasperlen, die in der Sonne wie Diamanten funkelten, rollten über seine Wangen und verschwanden, sobald sie vom Kinn hinunterfielen. Es musste ein Zauberer sein. Aber für einen Zauberer schien es zu verwirrt – dieses kleine Ding. Vielleicht war es eine Elfe oder eines von diesen Dreikäsehochs, die auf der anderen Seite des Stillen Wassers lebten? Aber Niemand hatte sich die Dreikäsehochs anders vorgestellt. Größer, gelb und frech; nicht so eingeschüchtert. Es hielt die Arme um die Knie geschlungen und wiegte sich hin und her.

Niemand setzte sich neben das weinende Ding und beobachtete es. Rotz lief ihm aus der Nase, den es mit dem Ärmel seines Pullovers wegwischte. Ekelhaft!

Aber es hatte schöne blaue Augen – dieses Ding –, dunkelblau schimmerten sie, wie Veilchen bei Vollmond. Und doch sah Niemand darin, wie traurig es war. Er bekam Mitleid – und immer wenn er Mitleid bekam, musste auch er weinen. Er schluchzte leise. Das kleine, weinende Ding sah sich erschrocken um. Es weinte nicht mehr, nun stank es nach Angst. Niemand hasste diesen säuerlichen Geruch, der mit der Zeit aus jeder Pore kroch und den gesamten Körper überzog.

»Wer ist da?«

Die klare Stimme des Dings verschlug ihm für einen Moment den Atem, dann antwortete er hastig: »Niemand.«

Es sah in alle Richtungen, die Angst roch nun widerlich bitter. »Bitte tu mir nichts.«

»Was machst du hier? Ich habe so etwas wie dich noch nie gesehen.«

»Ich habe mich verlaufen«, flüsterte das Ding und sagte lauter: »Wo bist du? Ich kann dich nicht sehen.«

»Das ist normal. Ich bin Niemand.«

»Wie meinst du das, du bist niemand?«

Die Angst schrumpfte und nun roch es nach Neugier. Das war gut. Niemand mochte die würzige Neugier. »Ich bin Niemand, Herrscher des Niemandslandes.«

»Aber wie kann ein Niemand ein Herrscher sein?«

»Weil Niemand Sonst mein Vater ist und ich sein Sohn bin.«

Das Ding trocknete sich das Gesicht mit dem Ärmel ab, mit dem es sich zuvor den Rotz weggewischt hatte. Neugierig blickte es Niemand an. Also lauschte es nach seiner Stimme. Schlau! Doch dann fragte es: »Müsste nicht dein Vater der Herrscher sein?«

Niemand lächelte. Niedlich, ohne Zweifel, aber es hatte keine Ahnung.

»Nein, nur Söhne können Herrscher sein.«

»War dein Vater nicht auch mal ein Sohn?«

Niemand überlegte und glaubte die Antwort zu wissen: »Nein, ein Sohn war der nie. Aber das ist auch völlig egal. Sag mir lieber, wer du bist.«

»Ich bin Nina.«

»Nina.«

Das Wort prickelte geheimnisvoll auf der Zunge wie gestohlener Honig. Niemand sagte ein paar Mal schnell hintereinander: »Nina, Nina, Nina«, und dann leise und gedehnt. »Niiiinnnnnaaaaaa.« Er fand: »Das klingt schön.«

»Kannst du mich nach Hause bringen?«, fragte Nina.

»Von wo bist du denn gekommen?«

Nina drehte sich zur Seite und zeigte nach rechts: »Ich glaube von da hinten. Oder doch von da?« Sie schlug die Hände vor ihr Gesicht. »Ich weiß es nicht!«

»Aber du musst doch wissen, wo du wohnst.« Niemand hatte noch nie von Ninas im Niemandsland gehört. Und er ahnte, dass Niemand Sonst sehr böse auf ihn sein würde, sobald er von einem Wesen hörte, das er nicht kannte. Niemand Sonst machte Niemand für alles verantwortlich, was er nicht befohlen hatte oder ihm seltsam erschien.

Nina gab ihm keine Antwort, sie weinte und schluchzte dabei nun so laut, dass sich Niemand besorgt umsah. Die Patrouillen erstarrten tagsüber wieder zu Stein, doch es gab Boten, die seinem Vater von dem kleinen Ding berichten könnten. Er würde es als Verräter einsperren lassen, und Niemand gleich dazu.

»Ruhig. Pssst. Du musst leise sein, sonst kommt die Rote Armee.«

»Rote Armee?« Sie zitterte, aber sie weinte nicht mehr.

»Die schleppen dich zu meinem Vater ab.«

»Aber dein Vater weiß bestimmt, wie ich nach Hause komme.«

Nina blickte zur Seite, als ob dort ihre Heimat wäre. »Niemand«, sagte sie leise, »ich habe Angst.«

Niemand rückte ein Stück näher zu Nina. Er hatte noch nie eine Nina berührt, überhaupt noch nie etwas wie sie. Er ballte seine Hand zu einer Faust. Es kitzelte und kribbelte in seinem Bauch – ein neues Gefühl, fast so stark wie das Beben des Teufels, aber schöner. Viel, viel schöner. So schön, dass er sich aufgeregt auf seine Unterlippe biss. Auch Niemand hatte Lippen, solche wie Nina, die ihre fest aufeinanderpresste und mit weit aufgerissenen Augen ins Gras blickte.

Langsam entspannte er seine Finger, öffnete seine Faust und legte seine Hand auf Ninas. Ihre Haut fühlte sich warm und zart an. Sie war feucht von den Tränen, aber Niemand wollte sie niemals wieder loslassen. Nina war echt. Sie zuckte unter seiner Berührung zusammen und sah auf ihre Hand. Dann zur Seite und dabei Niemand an.

»Ich sehe dich nicht, aber ich spüre deine Finger.«

Niemand rückte nah zu Nina, ihre Schultern berührten sich.

So blieben sie eine Weile sitzen und betrachteten die Grashalme, die ein seichter Wind zum Tanzen brachte: Nina, die nicht mehr weinte, und Niemand, der zum ersten Mal in seinem Leben glaubte, eines Tages mehr als ein Niemand zu sein.

»Warum heißt du Niemand?«

»Ich weiß nicht. Vielleicht weil ich den Namen meines Vaters annehmen musste?«

»Aber niemand heißt so.«

»Ja. Ich bin Niemand.«

»Nein. Kein Mensch heißt wie du.« Nina kicherte, was so lieblich klang, dass Niemand kurz die Augen schloss, dann drang ein von Nina beiläufig erwähntes Wort in sein Bewusstsein. »Mensch?«, wiederholte er. »Bist du ein Mensch? Bist du über die Grenze gekommen?«

Niemand erschrak und ließ Ninas Hand los. »Wie hast du das geschafft?«

Meinungen zum Buch

“Ein absolutes Must – Read!”Philip Kraus,  komplette Rezension (20.01.2019).

Petra Hartmann in ihrem Jahresrückblick: “Der Roman ist ein großartiges, phantastisches Stück tiefsinniger Unsinnspoesie, bei dem man in jedem Satz spürt, wie viel Spaß die Autorin am Erfinden und Beschreiben der tausend und abertausend niemandsländischen Besonderheiten hatte. Eine Wortfreude, die auch auf den Leser übergeht. Ein schönes Buch, ein besonderes Buch, absolut einzigartig.”

Ralf Steinberg findet bei fantasyguide.de: “»Niemand« von Nicole Rensmann ist eine recht durchgedrehte Märchenachterbahnfahrt mit skurrilen Figuren und einer herzerweichenden Liebesgeschichte. Einfach hineinfallen lassen und sehen, was dabei herauskommt.”

Der Niemand-Film