CIARA
Phantastischer Roman
Allgemeine Reihe, 9,90 Euro
Festa-Verlag, 2005
ISBN 3-86552-018-9, 304 Seiten
Nachwort
Nominiert für den Nyctalus Award 2005
Klappentext:
Seit der Kindheit
wurde Ciara von ihrer Mutter in den Künsten der Magie unterrichtet. Das hat sie
zur Einzelgängerin werden lassen. An ihrem 19. Geburtstag verlässt sie das
Haus, um im Licht des Vollmondes ein Ritual zu feiern. Sie spürt nicht, dass im
Dunkeln etwas auf sie lauert. Als sie es endlich bemerkt, ist es schon zu spät;
sie wird brutal angegriffen und verliert das Bewusstsein… Ciara überlebt
die Tat, doch in ihr erwacht ein geheimnisvolles Erbe, das sie fortan
akzeptieren muss – auch, wenn es zum Fluch wird.
Schon mit ihrem ersten Roman wurde
die junge Autorin Nicole Rensmann für mehrere Literaturpreise nominiert. In
Ciara verknüpft sie Elemente aus der keltischen Sagenwelt und dem Vampirglauben
und gewinnt der Faszination des Bösen völlig neue Aspekte ab.
Liebe, Sucht und Wahnsinn sind zuweilen weit stärker
miteinander verknüpft, als es wünschenswert ist. (Filamina)
»Zum Schluss noch acht Worte und da gilts, schadet es
keinem, dann tu was du willst!«
(Ende der Wiccan - Rede)
1. Tag
Auf der Stirn bildeten sich
Schweißperlen, die sie fortzuwischen ersehnte, aber Panik lähmte ihren Körper.
Sie versuchte, der Beschleunigung ihres Herzschlages entgegenzuwirken. Zu spät.
Lauter werdende Piepstöne brachten der Person, deren Flüstern sie geweckt
hatte, Bestätigung darüber, dass sie aufgewacht war. »Haben Sie keine Angst.
Sie sind hier in Sicherheit.«
Tränen quollen unter Ciaras geschlossenen Augenlidern
hervor.
Sie lebte noch?
Die männliche Stimme, die sie noch vor einem Tag als
angenehm bezeichnet hätte, redete sachte auf sie ein: »Mein Name ist Paul
Philis, ich bin Arzt im Städtischen Klinikum. Ein Taxifahrer brachte Sie zu
uns. Wie geht es Ihnen? Können Sie sprechen?«
Er schien auf eine Antwort zu warten, doch Ciara gab sie ihm
nicht.
»Die Polizei wartet draußen und will mit Ihnen reden.«
Ciara schüttelte den Kopf. Sie wollte mit niemanden
sprechen.
»Ich verstehe das, aber die Polizei möchte Ihnen helfen.«
Sie schluckte mehrfach, ihr Hals fühlte sich trocken an. »Zu
spät!«, krächzte sie.
»Ich weiß.« Die daraufhin entstehende kurze Pause deutete
Ciara als Zeichen der Betroffenheit, aber die Gefühle des Arztes interessierten
sie nicht. Nur der Gedanke an den Tod, daran, alles hinter sich zu lassen und
irgendwo in einer anderen Welt neu anzufangen, spendete ihr Trost. Aber Dr.
Philis schien Ciaras Wünsche nicht nachempfinden zu wollen.
»Leider werde ich die Beamten, die mir übrigens schon eine
Weile auf die Nerven fallen, nicht davon überzeugen können, wieder zu gehen.
Sprechen Sie mit ihnen, dann haben Sie es hinter sich.«
Ciara öffnete die Augen und bemerkte, wie der Arzt vor dem
Misstrauen, dass sich darin zeigen musste, zurückschreckte.
Er räusperte sich und wies mit einer Hand auf das Kissen
neben ihr: »Ihr Frettchen ist übrigens auch hier.« Ciara drehte den Kopf
vorsichtig zur Seite, was der Verband um ihren Hals erschwerte. Hinter dem
Nebel, der ihren Geist umwölkte, erzeugt von einer geringen Dosis Morphium oder
einem ähnlichen Sedativum, existierten Schmerzen und grausame Bilder, die sich
langsam in ihr Bewusstsein drängten.
Tatsächlich, da lag es, das grauschwarze Frettchen, das sie
kurz nach Mitternacht an ihrem Geburtstag vor der Tür entdeckt hatte. Beim
Anblick des Tieres echote das Kreischen ihres Peinigers in den Ohren, als sich
der kleine Iltis in dessen Hals festgebissen und ein Stück Fleisch
herausgerissen hatte – so wie der Unbekannte zuvor bei ihr. Das Frettchen
musste ihr Leben gerettet haben, aber Ciara wusste nicht, ob sie darüber
glücklich sein sollte.
»Es ließ sich nicht von Ihnen trennen. Es hat die Sanitäter
und zwei Krankenschwestern gebissen – und mich.« Dabei hielt der Arzt den
verbundenen Daumen der rechten Hand hoch. »Darum habe ich beschlossen, es bei
Ihnen zu lassen, was zwar der Oberschwester nicht gefiel, aber...«
»Welcher Tag ist heute?«, unterbrach ihn Ciara.
»Wir haben den siebten Januar. Sie haben nur wenige Stunden
geschlafen.«
»Schicken Sie die Polizisten rein«, Ciara strich sich eine
Haarsträhne aus dem Gesicht, »und danach möchte ich nach Hause gehen.«
Zwei in Zivil gekleidete Beamtinnen betraten das
Krankenzimmer. Die untersetzte Brünette nickte Ciara zu, blieb aber neben der
Tür stehen und studierte das Gerät, welches Ciaras Herz- und Pulswerte
aufzeichnete. Die Jüngere der Beiden, eine sportlich aussehende Polizistin mit
kurzen, schwarzen Haaren und ernst dreinschauenden braunen Augen, zog sich
einen Stuhl ans Bett und setzte sich. »Frau Duchas. Mein Name ist Marina
Bonito. Das ist«, sie deutete auf ihre Kollegin, »Sabrina Breuer. Schön, dass
Sie bereit sind, uns einige Fragen zu beantworten. Wie geht es Ihnen?«
Ciara stierte regungslos an die weiß gestrichene Decke, auf
der Suche nach einem Schlupfloch, durch das sie flüchten konnte. Fort, nur fort
von Erinnerungen, Empfindungen und Fragen – den bohrenden Fragen der
Polizei. Wut, Hass und Ekel begannen in ihr zu brodeln, doch ehe die Gefühle
aus ihr herausbrechen konnten, seufzte sie qualvoll. Die Polizistinnen
wechselten einen erschrockenen Blick.
Hysterie schwang in Ciaras Stimme mit als sie antwortete:
»Wie würden Sie sich fühlen, wenn Ihnen jemand ein Messer in die Seite drückt
und dann mit einem Dolch Ihr Jungfernhäutchen durchsticht.« Ciaras Puls raste,
die Brust hob und senkte sich hektisch. »Und als wäre das nicht genug,
vergewaltigt er sie und reißt Ihnen mit seinen Zähnen eine Wunde in den Hals
wie ein wildes Tier? Was glauben Sie, wie man sich da fühlt?«